Enduro X-Treme! … 0,01 – das ist nur 1% …

… und genau dies ist das ungefähre Verhältnis von gefahrenen Kilometern auf dem Motorrad zu denen von uns im Auto zurückgelegten. Beim empfundenen Offroadspaß kann man aber getrost den reziproken Wert ansetzen. Was wir am 13. April am Ortsrand von Dudelange im Süden Luxemburgs endurotechnisch erleben durften,  war uns bisher noch nicht unter gekommen. Wir wussten zwar in etwa, was uns erwarten würde, aber dass es live und in Farbe so reizvoll ausfallen wird, haben wir nicht geahnt.
Man ist allerdings durchaus versucht zu glauben, dass irgendetwas uns unseren Spleen, an Extremenduros teilzunehmen, austreiben will. Denn erst ballern Patti und mir beim Melz Exdrähm im letzten Jahr mollige und schwülwarme, gewittrige 35°C entgegen und bringen durch immensen Wasserverlust unser Blut an den Rand der Fließ- und damit den Kreislauf fast an die Grenze der Funktionsfähigkeit. Und nun zum LUX-Treme weicht vierwöchiger, bei allen sechs zurückliegenden Rennen noch nicht dagewesener Regen, der auch noch bis kurz vor Rennstart nicht nur anhält sondern mit Wolkenbrüchen und Hagelbeimengung der Streckenwässerung ordentlich Nachdruck verleiht, die eigentlich steinig und griffige Strecke dermaßen auf, dass zumindest im Talkessel eine unglaubliche und Ballonreifen formende Schmirage entsteht.

Und bei diesem Wort handelt es sich nicht etwa um ein Kampfflugzeug sondern um das deutsch-französische Synonym für Schmerpel sowie seinen engen und noch anhänglicheren Verwandten Gumpel – die im äußersten Westen Deutschlands gebräuchlichen Begriffe für Modder in seinen unterschiedlichen Ausprägungen was Konsistenz und das Vermögen, den ihn durchpflügenden Reifen seines berechenbaren und den Piloten voranbringenden Bodenkontaktes zu berauben, angeht. 

Um Gnampf - also jenen lehmig saugenden tiefen Schlamm, der Dich und Dein Gefährt beinahe unwiederbringlich festzuhalten vermag - zu erzeugen, war der Untergrund jedoch zu fest … zum Glück. Vor allem die Auffahrten in dieser von altem Eifelvulkangestein durchsetzten Eisenerztagebauhalde hatten trotz allem noch genug Grip – vorausgesetzt man hat es ohne Quersteher und damit Kontrollverlust überhaupt bis in den Bereich der Kompression im Hang geschafft. 

Und damit man nicht einfach nach dem Motto „Geschwindigkeit stabilisiert“ in die Anstiege brettern konnte, waren die Anfahrten durch die Motofrenn Diddelingen (zu deutsch wohl frei mit „Freunde des gepflegten aber anspruchsvollen Sports auf geländegängigen Motorrädern in und um Dudelange“ zu übersetzen) mit einigen Gemeinheiten

– neben querliegenden, nicht ganz dünnen Baumstämmen aber meist durch die reine Streckenführung – dergestalt verkürzt, dass nur konzentriertes und ausbalanciertes Anfahren, gefolgt von einem beherzten Dreh am rechten Lenkerende und begleitet von präziser Kadaverhaltung relativ zum Erdmittelpunkt und dem Fortbewegungsmittel zum Erfolg führten.

Wem das nicht so recht gelingen wollte

oder wem Stau drohte, der konnte an den meisten, richtig heftigen Stellen die sogenannte „softe“ Spur wählen. Dieses Wort ist allerdings auch nur im direkten Vergleich mit den zu umfahrenden Streckenabschnitten erlaubt. Stellt man jene Segmente des Rundkurses den in unserer Heimat üblichen Trainingsmöglichkeiten gegenüber, verblassen letztgenannte einigermaßen eindeutig dagegen. Es war hier also mit Nichten so, dass man mit der Umfahrung auch nur irgendetwas anderes (z.B. Vermeidung von durchaus möglichen Fehlversuchen oder gar Konditionsersparnis) erreicht hat,

als das pure Erreichen jenes Punktes der Strecke, an dem sich beide Spuren wieder vereinigten.


Im beinahe flachen, eigentlich harmlosen Infield des Geländes

war an Erholung und Ausschütteln der harten Unterarme jedoch ebenfalls nicht ansatzweise zu denken. Im Gegenteil, wer auch nur kurz die Körperspannung verlor oder mit der Fahrtechnik etwas schlampig (ein bei diesen Bedingungen durchaus gelungenes Wortspiel, wie ich finde) umging, konnte auf keinen Fall mit einer zielgerichteten Fortbewegung rechnen – vielmehr trieb er mäandrierend, „anmutig“ fußpaddelnd und wild gasgebend von Streckenabschnitt zu Streckenabschnitt, und nur unter zusätzlicher Anstrengung ließ sich die Amplitude dieses ungewollten horizontalen Parabelfluges auf zwischen die Streckenbegrenzungen beschränken.
War man also auf den Matschwiesen eigentlich nur damit beschäftigt, in etwa dort hin zu fahren, wo es von den Streckenbauern vorgesehen war und sich zu wundern, wie anfängerhaft man auf dem Möp tatsächlich noch aussehen kann, kamen an anderen Stellen eher die Augen aus ihren Glotzhölen Richtung Brillenglas, denn es gab nicht nur einen Hosenbodenzusammenkneifer auf der Piste.
Einer davon war eine recht unscheinbare 5 Meter Steinstufe nach unten, die instantan in eine 90° Kurve mündete. Der in Richtung geradeaus über die Klippe mit Kabelbindern an zwei Daumendicken Birkenbäumchen festgemachte Fangzaun konnte nicht wirklich Vertrauen erwecken, weil er einen wohl eher nicht aufgefangen hätte, sondern weil man beim weiteren Sturz in die Tiefe in ihm gefangen gewesen und als Knäuel unten angekommen wäre - er flatterte aber am Rennende noch unversehrt im Wind. Der respekteinflößenste war jedoch die schwarze Abfahrt - wenn sich dieser Abhang überhaupt so nennen darf, an dem man nach gefühlten 5 Metern Freiflug mit Schlägen ans Hinterrad endlich wieder durch die Erdoberfläche eingefangen wurde und von wo aus es dann immer noch ordentlich abwärts ging.

Nach augenzwinkernden Diskussionen, ob und wie man das Teil volley nehmen, also direkt nach unten in die Schräge droppen könnte, tauften wir es auch gleich "den Drop". Er wurde aber schnell in "der Drops" umgetauft, der konnte einem nämlich durchaus ankommen bei dem Gedanken daran. Gefahren sind wir ihn in den folgenden Runden trotzdem einige Male, oder besser - haben uns runter stürzen lassen - wenn, dann aber immer auf zwei Rädern.


Nun denkt der geneigte Leser sicherlich, ich habe schon das Rennen beschrieben ... aber nein - das war nur die Einführungsrunde, die wir ob unserer Gelände-, Boden- sowie Ortsunkenntnis vorzogen mitzufahren. Einige, die schon in den Vorjahren dabei waren, sparten sich die Kraft für das eigentliche Rennen - was durchaus einen nicht zu verachtenden Konditionsvorsprung sicherte, denn die erste Runde war echt nicht von schlechten Eltern und dauerte über 'ne dreiviertel Stunde. Und als ob 180 Minuten in einem solchen Gelände, welches nichtmal entfernt für ein gemütliches Enduro taugt (um es mal ganz vorsichtig auszudrücken), nicht schon des Anspruches genug sind, konnte man es nach dem Startschuss in LeMans-Manier, der um 13:00 Uhr fiel, mit Holeshot-Ambitionen auch richtig krachen lassen und die knapp 600 Meter mit gefühlten 40 Metern Höhenunterschied (nach oben, wohl gemerkt) sprintend zurücklegen.

Da unsere Kondition für solcherlei, bestimmt gut gemeinten aber eben auch selektiven Enduroschabernack nicht so richtig ausreichend dimensioniert ist, haben wir es vorgezogen, uns nur auf den beiden ebenen Abschnitten rennend fortzubewegen

und das Laufen an der üppigen Steigung einzustellen und gegen großschrittiges Gehen zu ersetzen.

Damit gelang uns (Andreas, Frank, Stefan, MotoXschmieden-Patti und mir) ein "furioser" Rennstart mitten im Mittelfeld.

Als sich das Feld nach und nach langsam sortierte und hier und da vor den prominenten Auffahrten auch ein Stau umfahren werden musste,

lief es im wahrsten Sinne des Wortes wie geschmiert, denn die Bedingungen unterschieden sich trotz nun vernünftigem Sonnenschein noch nicht so deutlich von denen in der Einführungsrunde.

Die Sonne sorgte aber dann für besser werdende Bedingungen und die steilen, steinigen, hohen, schönen, anstrengenden,tiefen wurden alle samt zu spaßigen Abschnitten.

 

Die jedoch teuerste Stelle der gesamten Runde war die Betonauffahrt

- eine von 'nem großen Mischer an einen kurzen, knacken Anstieg geschüttete gemeine raue, graue und bisweilen eben auch grausame Platte, die es dem ein oder anderen fast zum Albtraum werden ließ, sich an dieser Stelle nicht für die Umfahrung entschieden zu haben.

Ich habe den Beton soweit ganz gut gemeistert, bin einmal aber wegen Staubildung in der Anfahrt auch in die softe Spur abgebogen. Wie oben schon angesprochen, ist diese Bezeichnung allerdings durchaus als Verhöhnung auch dieser Alternativroute zu sehen, denn der kleine und ordentlich steinige Cañon hat einigen durchaus auch etwas eingeheizt. Als ich nach etwa 1,5 Stunden und dem Auffüllen von reichlich Kühlwasser (meinen Lüffter hatte ich leider schon in der Heimat etwas zu hart rangenommen, was mir meine Beate dann mit einigen nicht zu übersehenden Quellwolken dankte) aus der Box in meine vierte Runde fuhr, ahnte ich noch nicht, dass mir mein Vorhaben, vor der holprigen Betonplatte nicht ein zweites Mal abzubiegen, leider zum Verhängnis werden würde. Eigentlich war die Runde mittlerweile richtig gut fahrbar, denn sogar die schmodderigen Wiesenschleifen begannen, langsam abzutrocknen, da sollte doch auch der Beton nun recht entspannt zu bezwingen sein ... Dem war leider nicht so. Immer häufiger war dieses markerschütternde Kratzen und Schaben von beschichteten Magnesiumdeckeln, Fußrasten, Lenkerenden, diversen Plastikteilen oder eloxierten Aluteilen auf dem mit Zement verklebten Schotter zu hören.

Mir hat es auf dem mittlerweile mit Lehm zugesetzten Beton, der dadurch einen Großteil der gewohnten Griffigkeit verlor, das Hinterrad verrissen und ich bin - beinahe oben - nach rechts Richtung Felswand geraten, an der ich die Beta eigentlich recht vorsichtig nach rechts ablegte. An dieser Stelle blieb sie allerdings nur so kurz liegen, dass auch die Streckenposten sie nicht mehr zu fassen bekamen, womit das Unheil seinen Lauf nahm ... die Mopete rutschte mit dem Lenker am Fels locker 2 Meter nach unten und an einem Vorsprung rastete dieser ein und brach stumpf an der Klemmung ab, was ich neben dem riesigen Dreiangel in der Sitzbank allerdings erst beim Bergen meines armen, geschundenen Zweirades bemerkte, denn ich legte den gesamten Weg nach unten auf dieser unkonventionellen Betonstraße zurück. Zum Leidwesen meines Musculus Gluteus Maximus endete diese unfreiwillige und recht unkontrollierte Reise auf einem Felsbrocken etwa 5 Meter unterhalb jener Stelle, an der sich Ross und Reiter trennten. Die sitzende Position gehörte ab diesem Zeitpunkt dann jedenfalls nicht mehr zu meinen Vavoriten. Im Rennen brauchte ich dieses ja nun auch nicht mehr, denn das war an dieser Stelle für mich leider beendet. Gerne wäre ich noch diese, die nächste und wenn es zeitlich gepasst hätte, eventuell auch noch eine sechste Runde (dann wohl aber schon mit Krämpfen) gefahren, denn sie fuhr sich wie bereits erwähnt mittlerweile richtig gut.
Nachdem ich dann mit tatkräftiger Unterstützung der Streckenposten und ihren langen Spanngurten sowie des dort verweilenden Arztes, welcher sich sofort von meiner einigermaßenen Unversehrtheit überzeugte, mein gebrochenes "Schätzchen" aus dem Fels geborgen hatte, fuhr ich dann zwar mit beiden Händen am Lenker zurück in die Box - das rechte konnte allerdings nicht mehr der Richtungsbestimmung sondern nur noch der Verstellung des Vergaserschiebers dienen.

In der Box gesellte ich mich dann zu Stefan und Frank, die mit schwindender Kraft in den knackigen Abfahrten dann doch eher an ihre Gesundheit und junge Familie dachten und der inneren Vernunft folgten, die einem Endurofahrer bei der Ausübung seines Hobbys stellen- und zeitweise ja durchaus mal abhanden kommt oder zumindest in Vergessenheit gerät - beim Fahren sollte man ja auch eigentlich nicht an die Gefahren denken. Auf diesem Kurs konnte einem dies aber an ein zwei Stellen der Runde durchaus mal passieren - z.B. wenn man am schon erwähnten Drops oben über die Kante rollte.
Aber ich will nicht mit irgendwelchen Bedenken schließen, denn es war ein sehr geiles Rennen und es sind außer Prellungen und blaue Flecken auch keine schweren Verletzungen zu verzeichnen gewesen. Den Krankenwagen haben wir nur einmal gesehen und zwar am nächsten Morgen kurz vor unserer Abreise - da hat wohl ein C2H5OH-Getränkter Zeitgenosse nach der Pinkeltour nicht wieder zurück zur After-Race-Party gefunden und die Nacht im Freien verbracht - ich hoffe, er war lediglich etwas unterkühlt und verkatert. Die Luxi-Bande kann auf jeden Fall nicht nur geile Strecken bauen sondern auch ordentlich feiern. Mit unserer 1000 km Rückreise, die morgens um 7:00 Uhr nach dem ganzen Verladen starten sollte, in Aussicht, haben wir es vorgezogen, unsere Verweildauer am Festzelt und Lagerfeuer auf einen überschaubaren Zeitraum zu beschränken.
Danke nochmal an die Motofrenn Düdelang - es war eine geniale Erfahrung und schreit förmlich nach einer Wiederholung ... GELÄNDESPORT NORDOST ist auf jeden Fall angefixt. :o)
Patti und Andreas machten dann die interne GSNO-Wertung unter sich aus und spulten noch ein paar Ründchen ab,

was wir dann als Zuschauer an ausgewählten Punkten der Strecke verfolgen. Am Ende drehten sie 6 bzw. 7 Runden. Für Stefan, Frank und mich bedeutete es dann den 80., 79. und 78. Platz (in genannter Reihenfolge), Patti finishte auf dem 66. und Andreas rauschte mit Platz 38 ins fordere Feld.

Damit war er der verdiente GSNO-Düdelang-König und wurde auf der Rückfahrt auch entsprechend geehrt und gekrönt.

Wie schon angedroht - wir kommen gerne wieder ...

P.S.: Hier noch wirklich kurzweilige achteinhalb Minuten Videounterhaltung von den beiden bereits erwähnten Erzbergstürmern:

http://vimeo.com/64764210

P.P.S.: Danke Benny für die geilen Bilder - dadurch lebt der Bericht erst ...

 

So jetzt geht's zu den GST (Grubensporttagen) nach Leipzig - bis die Tage ...Gruß