Zwei von der Küste, die auszogen, auf der Enduro das Fürchten zu lernen …

Der Getzen – das ist irgend so eine kartoffelauflaufähnliche Regionalspeise der Erzgebirgler, oder neudeutsch wohl auch als Kartoffel-Gratin bezeichnet, obwohl die Einheimischen das garantiert nicht gern hören werden.
Vor diesem Gericht muss man natürlich keine gesteigerte Furcht haben, es sei denn, man muss aus Diätgründen jede Kilokalorie zählen, die den Weg in den eigenen Körper findet. Wenn man in Endurokreisen allerdings vom Getzen spricht, meint man ausnahmslos das Getzen Rodeo von dessen vierter Ausgabe ich an dieser Stelle aus meiner Sicht eines Mitstreiters berichten möchte. Und vor genau dieser dort gestellten streckentechnischen Aufgabe ist durchaus etwas Respekt angebracht – gerade, wenn man wie wir die reichlich flache Küste an der Ostsee in der Region nahe der Insel Usedom als sein Heimattrainingsgebiet bezeichnet.
Die Überschrift thematisiert eigentlich auch schon in ausreichender Weise unsere, also Andreas‘ und meine, Vorahnungen zu unserem Vorhaben, auch wenn wir durch Videomaterial von den zurückliegenden Rodeos zumindest ansatzweise visuell auf das, was uns dort erwarten würde, vorbereitet waren. Warum wir es allerdings doch nicht ganz so gelassen mit unserer nichts desto trotz durchaus vorhandenen Vorfreude angehen konnten, lag einzig und allein an dem Umstand, dass die ganze Geschichte dort in diesem Jahr deutlich internationaler über die Bühne gehen sollte, denn die Macher vom Getzen-Rodeo-e.V. haben, nachdem wir bereits genannt hatten, unter den Elitefahrern des Extremenduros noch mächtig die Werbetrommel gerührt und es tatsächlich geschafft, dass sich neben Topleuten aus der Enduro-DM für alle Fans der etwas technischeren Enduroherausforderungen auch so wohlklingende Namen wie Graham Jarvis, Andreas „Letti“ Lettenbichler, Gerhard Forster sowie Juha Salminen und Fabien Planet aus der Enduroweltmeisterschaft in die Starterliste aufnehmen ließen. Damit war für uns klar, dass das betrachtete Videomaterial nicht so ganz das wiedergeben konnte, was uns erwarten würde, denn die Ansprüche der oben genannten Herren an eine schöne Endurostrecke, die dem im Veranstaltungsnamen enthaltenen Wort „Extrem“ auch nur ansatzweise gerecht wird und durch die Streckenbauer zumindest grob erfüllt werden würde, sollten einigermaßen deutlich über unseren Forderungen an eine spaßige 2h-Endurorunde liegen. So sind wir dann mit unserer uns eigenen norddeutschen Gelassenheit, diese jedoch gespickt mit etwas erwartungsvoller Ungewissheit, sehr früh am Freitag vor dem Rennen Richtung Grießbach bei Zschopau aufgebrochen, um in aller Ruhe das dortige Gelände sowie die Runde auf uns wirken zu lassen und auch die in der Nennbestätigung erwähnte Trainingsstrecke für letze Anpassungen an die örtlichen Gegebenheiten ausgedehnt in Anspruch zu nehmen. So geplantes wurde auch konsequent umgesetzt und wir tuckerten nach der morgendlichen ausgiebigen Streckenbegehung und einem gastronomischen Mal mit unseren noch kalten Maschinen in den Rodeo-Wald, in dem eine kleine etwa 200 m lange Runde zum Probieren abgesteckt war. Gut 90% der Runde unterschieden sich kaum von Waldpassagen in unseren Breiten, da sie sich genau auf dem Getzen-Hügel befand und dementsprechend wenige Höhenmeter zu überwinden waren. Allerdings gab es im Scheitelpunkt dann doch eine weniger einfache Stelle in Form einer Geländestufe, die man mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad angehen konnte, je nachdem, wie weit man die vorherige Abfahrt hinunter fuhr. Jedenfalls mussten wir schon nach zehn minütigem Herumprobieren an dieser schrägen Felskante völlig durchgeschwitzt und mit kochenden Maschinen feststellen, dass irgendetwas nicht stimmt. Erste Vermutungen, dass es tatsächlich am mangelnden Fahrvermögen liegen könnte, wurden unsererseits vehement dementiert. Wir kamen zu dem Schluss, dass es am Material liegen musste und waren uns sicher, damit nicht den Spruch zu bedienen … „Wenn der Bauer nicht schwimmen kann, dann ist die Badehose schuld“. Das einzige, was nahe lag, war der Reifendruck. Und siehe da – nach einer Verringerung um weitere 0,2 bar auf nun etwa 0,6 bar vorn und 0,5 bar im Hinterreifen sahen wir in den folgenden Trainingsrunden schon gar nicht mehr so schlecht aus. Fast waren wir versucht zu sagen, wir hätten es locker mit jeder Geländestufe in der Umgebung aufnehmen können, denn wir fühlten uns plötzlich so unglaublich gut, als wir quasi aus dem Stand Sachen hoch gefahren sind, die uns noch 20 Minuten vorher wie vom Teufel mit Seife beschmierte Eisflächen vorkamen. Mit anderen Worten, wir fühlten uns mit einem Mal gewappnet für alles, was noch kommen mochte. Dieses Gefühl hat sich offenbar auch bis zum nächsten Tag gehalten, denn bei der abschließenden Begehung der neuralgischen Punkte in der Runde haben wir uns die Umfahrungen zwar angesehen, aber waren einhellig der Meinung, diese wohl eher nicht oder nur selten z.B. im Fall eines Staus benutzen zu müssen. Auch die beinahe senkrechte, gut vier Meter hohe Felswand, die wohl eine Abfahrt darstellen sollte

 

 

 , an der es uns bei der Besichtigung nicht recht gelingen mochte, die angedachte Spur nach unten auf Anhieb zu finden, konnte uns davon nicht abbringen – und das Ding sah von oben betrachtet echt fies aus – ´ne Abbruchkante in unseren Kiesgruben fährt man da eher runter. Egal – wir bereiteten noch die letzten Sachen für den Start vor, Einrichten der Tankzone im Festzelt, und Fahrerbesprechung

inklusive Gruppenfoto aller Starter

und Aufstellen zum Rennen

und waren mental bereit, alles einigermaßen aber zumindest ohne Benutzung der Umfahrungen auf die Reihe zu bekommen. Nach elendig lang wirkendem Warten an der Startlinie

auf den erlösenden, oder besser das „Gemetzel“ einleitenden Kanonenschuss

sollten wir allerdings schon in der Auftaktrunde eines Besseren belehrt werden. Zwar gab es an der ersten richtigen Felsstufe am Ende einer Auffahrt direkt Stau, in dem so gut wie das gesamte Fahrerfeld von gut 40 Piloten gefangen war, jedoch war nicht dieser der Grund, weshalb wir kurz vor der Kante abgebogen sind. So viel Schwung, wie wir uns bei der Besichtigung am frühen Morgen noch ausgemalt hatten, konnte man auf den nun freigelegten Wurzeln und vor allem Steinen in der holprigen Rille der Auffahrt nicht ansatzweise aufbauen, zumindest wir nicht. Somit war dann nämlich schon die Fahrt bis in die deutlich längere und trotzdem nicht wirklich einfache Alternativspur eine durchaus ansprechende Herausforderung. Während wir an jener Stelle so im Stau standen und warten mussten, bis wir an der Reihe waren, vernahm man bereits Motorengeräusche im Wald, die immer näher kamen – es waren Graham, Letti, Juha, Gerhard und Fabien, die bereits ihre erste Runde hinter sich hatten. Nun konnten wir nochmal aus nächster Nähe bewundern, wie man‘s macht, wenn man’s halt kann. Es half aber alles nichts, der Talentfunken ist einfach nicht übergesprungen, wir kamen nur bis zur Notausfahrt und die dahinter liegende Umfahrung raubte beinahe die gesamte zur Verfügung stehende Kondition, die eigentlich fürs gesamte Rennen gedacht war. Nicht, dass wir davon unglaublich viel gehabt hätten, aber einteilen wollten wir sie uns trotzdem – dieser Plan ging also schon mal schief … Andreas war bereits entfleucht,

denn mir hat es in der Anfahrt so dämlich das Hinterrad aus der Rille gehauen, als ich nach kraftraubendem Bergen nochmal zum zweiten, dann aber geglückten Versuch ansetzen musste. Alles was auf diese Auffahrt folgte, konnte sich herausforderungstechnisch durchaus auch sehen lassen,

um es mal ganz gelinde auszudrücken, und war auf dem 3,5 km langen Kurs in so konzentrierter Form hintereinander gepackt,

dass man wirklich jeden weniger schwierigen Streckenmeter zum Schöpfen von neuer Puste und Kraft sowie zur Bekämpfung harter Unterarme nutzen musste. Für mich hat das nicht ganz ausgereicht, denn nach der ein oder anderen, gefühlt 500 Meter langen Steigung

mit Ziehen

und Zerren

konnte ich meine Kupplung schon nur noch mit vier zur Käpt‘n-Hook-Hand gekrümmten Fingern und dem ganzen Arm ziehen – eine Verschnaufpause war also dringlich von Nöten-

Wie ich nach dem Rennen erfuhr, ging dies aber nicht nur mir und Andreas so. Während dieser Zeit hatte ich echt Bedenken, dass ich es in den vorgegebenen zwei Stunden unabhängig von meinem körperlichen Zustand rein zeitlich überhaupt auf die Reihe bekommen würde, mehr als noch eine zweite Runde zu absolvieren. Nachdem ich am Ende der ersten gleich meinen Pflichttankstop als Erholungspause einlegte, lief die zweite Umrundung dieses Quälekringels im Erzgebirgswald eigentlich recht gut-

ich möchte sogar behaupten, dass ich sie auch ohne Zieh- und Schiebehelfer durchaus hätte meistern können. Dieses Vorhaben war aber an den schwersten Stellen nicht umsetzbar, da eigentlich immer mindestens einer mit angepackt hat, wenn man auch nur kurz ins Stocken kam.

Jener Umstand hat uns allerdings sehr gut vor noch weiter fortschreitender Kraftvergeudung bewahrt und auf den zweiten folgten noch ein dritter und vierter Turn. Andreas hat sogar noch eine weitere Umrundung innerhalb der 2 Stunden starten können, die er dann natürlich auch zu Ende bringen musste, was, wie er meinte durchaus mentale Überwindung kostete, da auch bei ihm von noch vorhandener Energie nicht mehr wirklich die Rede sein konnte.

Von der geschwenkten Zielflagge trennten uns nach Absolvierung unserer Runden dann aber noch zwei „kleine“, feine Hindernisse – neben der Rundenbeendigungssprungrampe die einzigen künstlichen ihrer Art im gesamten Streckenverlauf. Eine gefühlt senkrecht stehende Holzwand als 180° Steilkurve

sowie ein durch dicke Buchenstamm-Tripel begrenzter, drei Meter breiter und einen Meter tiefer Steingraben, den man überspringen

 

oder sich durch quälen musste.

Die Wand haben nicht alle so gut gemeistert, wie der Herr Jarvis auf dem Hinterrad  - einige haben sogar so kurz vor dem Ziel noch Federn lassen müssen in Form von verformten Motorradteilen,

Letztendlich hat’s aber jeder, der nicht vorher wegen technischer Probleme ausgefallen ist, unbeschadet ins Ziel geschafft. Mit unseren vier bzw. fünf Runden waren wir zwar ein gutes Stück von den 15 der beiden Führenden (Graham und Letti) entfernt, waren aber trotzdem ziemlich stolz, dieses Enduropaket gemeistert zu haben und vor allem dem ob des illustren Starterfeldes recht ambitionierten Vorhaben, nicht Letzte zu werden, gerecht geworden zu sein. Neben den vielen Helfern haben uns diesem Ziel auch unsere zahlreich aus der Hauptstadt und von der Ostseeküste angereisten Endurokollegen und Freunde mit hochmotivierenden Anfeuerungs- und Durchhalteparolen entgegen getragen – unter ihnen auch zwei, die zwar genannt aber leider keinen Startplatz ergattert haben. Schade, dass diese geniale Erfahrung nur so wenigen Hobbyfahrern vorbehalten ist. Nicht, dass es nicht super geil ist, mit den Leuten der Weltelite an einer Startlinie zu stehen, aber es sind auf ganz Deutschland gesehen einfach sehr wenige Plätze für Fahrer wie „Du und ich“ frei – überhaupt, wenn aufgrund der durch das Niveau der Veranstaltung selbstredenden Werbung unter den Topfahrern dann bei der nächsten Ausgabe noch mehr internationale Beteiligung zu erwarten ist. Ich hoffe, dass der Veranstalter da eine Lösung findet, die die Hobbyleute (durch die das Getzen Rodeo ja zumindest von Fahrerseite über die Jahre erst zu dem werden konnte, was es heute ist) auch in Zukunft nicht ausschließt – eine zweite Startreihe vielleicht, …? Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, denn ich möchte unbedingt auch bei der nächsten Runde die Chance haben, dort mitzumischen, wenn auch nicht vorne, aber doch mit viel Spaß – also so wie in diesem Jahr.
Nach den erfolgreich absolvierten zwei Stunden hatten die fünf Besten – drei Mal darf geraten werden, welche Fahrer das waren … – eine Stunde später dann den Kurs noch fünf Mal zu meistern. In Sachen Anspruch wurde extra für sie und die Zuschauer

nochmal ordentlich nachgewürzt. Juha Salminen und Gerhard Forster mussten bereits nach einer Runde der gestellten Aufgabe ihren Tribut zollen – zweiterer mit seinem Material, einer gerissenen Kette. So haben die drei verbliebenen Graham Jarvis, Andi Lettenbichler und Fabien Planet die Besetzung des Podiums unter sich ausgefahren und es schlussendlich in eben genannter Reihenfolge auch besteigen dürfen.
Durch diesen Rennmodus hatten wir als Fahrer dann auch noch mal die Chance, uns an vielen verschiedenen Stellen anzuschauen, mit welcher Leichtigkeit die Jungs einige Sachen überwinden, bei denen wir froh waren, sie einigermaßen geschafft zu haben. Wenn aber an ausgewählten Stellen selbst die Meister ihres Faches so ihre liebe Mühe hatten, dann klopft man sich als erfolgreicher, mehrmaliger Absolvent der Getzen-Runde durchaus innerlich auf die Schulter, dass man dies, wenn auch mit noch deutlich mehr Anstrengung, aber doch ebenfalls gemeistert hat.
Auf ein nächstes Mal im Getzen-Wald bei Grießbach im Erzgebirge – hoffentlich wieder mit GELÄNDESPORT-NORDOST Beteiligung.

 

Gruß Dirk #22
www.gelaendesport-nordost.de

Bildquelle: https://picasaweb.google.com/nuetztdochnuescht/GetzenrodeoGrieBach10112012?authuser=0&feat=directlink

Weitere Bilder von Patti gemacht:

Getzenrodeo 2012